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Grundbildungsdefizite

Das Schulsystem hat den Auftrag, den Schulabsolventen mindestens die grundlegenden Fähigkeiten zu vermitteln, die Voraussetzung sind, um spätere Lebenssituationen bewältigen zu können. Diesen Bildungsanspruch löst das deutsche Schulsystem allerdings nicht ein. Denn die Wirklichkeit sieht anders aus: Immer noch verlässt etwa ein Fünftel der Schüler/innen am Ende der Sekundarstufe I die Schule, ohne eine ausreichende Grundbildung zu haben. Lesen, Schreiben und Rechnen ist für die Betroffenen eine große Hürde. Insofern erfüllen die allgemeinbildenden Schulen ihren gesetzlichen Bildungs- und Erziehungsauftrag nur bedingt.

Allein seit dem Jahr 2000 haben – je nach Stärke der Absolventenjahrgänge – jährlich zwischen 220.000 und 150.000 Jugendliche ohne ausreichende Ausbildungsreife die Schule verlassen. Für die nachschulische „Reparatur“ schulischer Defizite werden in den unterschiedlichen Übergangsystemen von Bund, Ländern, Kommunen und Bundesagentur für Arbeit (BA) nach Berechnungen des IW Köln pro Jahr etwa 5,6 Milliarden Euro ausgegeben. Allerdings erzielen diese Maßnahmen und Programme in vielen Fällen nur sehr eingeschränkt die beabsichtigten Wirkungen.

Unternehmen beobachten seit vielen Jahren, dass die in den Schulen erworbenen Qualifikationen von Ausbildungsplatzbewerbern/innen in einigen Kompetenzbereichen für eine duale Ausbildung nicht ausreichen. So bestätigen mehr als drei Viertel der Unternehmen – laut einer Befragung des Deutschen Industrie- und Handelskammertags, dass sie aufgrund der unzureichenden Qualifikationen der Schulabsolventen 2012 unzählige Ausbildungsplätze nicht besetzen konnten. In einer repräsentativen Online-Unternehmensbefragung des IW Köln im Jahr 2010 (siehe Tabelle) stellten sogar neun von zehn ausbildungsaktiven Unternehmen bei der Auswahl von Auszubildenden mitunter gravierende Defizite der Grundbildung fest.

Die schriftsprachlichen Kompetenzen, Rechtschreibung und Zeichensetzung sowie die schriftliche Ausdrucksfähigkeit, bilden dabei den größten Problembereich. Es folgen Defizite in der Dreisatz- und Prozentrechnung, bei den Wirtschaftskenntnissen, in den Sozial- und Selbstkompetenzen, bei der mündlichen Sprachbeherrschung, dem Kultur- und Gesellschaftswissen, den Grundrechenarten, den Englischkenntnissen, dem Bruchrechnen, dem Verstehen von komplexeren Texten und bei der Methoden- bzw. Lernkompetenz.

Mehrheitlich verlassen sich die Unternehmen nicht auf die Aussagekraft der Schulzeugnisse und führen selbst Eignungs- und Einstellungstests durch, um sicherzugehen, die passenden Auszubildenden auszuwählen. Es handelt sich bei der Kritik an der vorhandenen Grundbildung der Schulabsolventen nicht um subjektive Einschätzungen, sondern um belegbare Erfahrungswerte, die die Tendenzen der internationalen Vergleichsstudien (zum Beispiel PISA) belegen.

Der Handlungsbedarf ist offenkundig: Auf der einen Seite erübrigt sich das Problem mangelnder Grundbildung nicht von selbst, sondern wächst kontinuierlich nach, wie der Anteil der so genannten Risikoschüler/innen der letzten Jahre zeigt. Auf der anderen Seite wird der Fachkräftemangel aufgrund der demographischen Entwicklung zunehmen und es wird in Zukunft stärker darauf ankommen, vorhandene Potenziale zu nutzen. Vor diesem Hintergrund werden Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben zukünftig ein noch größeres Gewicht erhalten.

 

Grundbildungsdefizite bei Schulabsolventen aus Sicht der Unternehmen
(in Prozent)

 … sehen bei diesen Kompetenzen der Schulabsolventen sehr häufig oder teilweise Defizite
Rechtschreibung und Zeichensetzung
93
Schriftliche Ausdrucksfähigkeit
(Grammatik, Verständlichkeit geschriebener Texte)
91
Dreisatz- und Prozentrechnung
78
Wirtschaftskenntnisse
77
Mündliche Sprachbeherrschung/Kommunikation
74
Sozial-/Selbstkompetenzen
(zum Beispiel Teamfähigkeit, Umgangsformen, Leistungs-und Lernbereitschaft)
74
Kultur-/Gesellschafts-/Alltagswissen
74
Grundrechenarten71
Englischkenntnisse71
Verstehen von komplexeren Texten
(zum Beispiel Beschreibungen von Maschinen und Arbeitsabläufen)
70
Bruchrechnen
70
Methoden-/Lernkompetenzen
69
Verstehen von einfachen Texten
(zum Beispiel Zeitungstexte, Textaufgaben, Briefe)
60
Kenntnisse in Naturwissenschaften und Technik60
Berechnungen von Flächen und Körperoberflächen60
IT-Kenntnisse
53
 
Differenz zu 100: Antwortkategorien „Eher nein“ und „Nein, verzichtbar“
Befragung von 911 ausbildungsaktiven Unternehmen zum Jahresende 2010
Quelle: Institut der deutschen Wirtschaft Köln