header_fakten.png

Anforderungen an Grundbildung

Vielfältige Arbeitsprozesse haben sich in den letzten zwanzig Jahren vor allem durch die Entwicklung neuer Technologien und die weiter fortschreitende Automatisierung der Produktion kontinuierlich gewandelt. Damit verbunden sind die Anforderungen an die Arbeitstätigkeiten und somit an die Qualifikation der Erwerbstätigen gestiegen. So übernahmen in früheren Zeiten Geringqualifizierte – als solche werden Erwerbstätige ohne Berufsabschluss bezeichnet – zum Beispiel hauptsächlich manuelle Tätigkeiten. Inzwischen werden an un- und angelernte Erwerbspersonen komplexere Anforderungen – auch was das Lesen und Schreiben betrifft – gestellt.

Wenn also heutzutage Schulabsolventen nicht über eine ausreichende Ausbildungsreife verfügen bzw. Geringqualifizierte einen neuen Arbeitsplatz suchen, sind sie einem vergleichsweise höheren Arbeitsmarktrisiko ausgesetzt, als dies beispielsweise in den 1980er und 1990er Jahren der Fall war. Schon heute machen sich erste Effekte der demographischen Entwicklung bemerkbar: In Ostdeutschland zum Beispiel können aktuell Ausbildungsplätze zum Teil nicht besetzt werden.

Der Bildungsanspruch der allgemeinbildenden Schulen besteht darin, alle Schüler/innen mit denjenigen grundlegenden Fähigkeiten, mit dem Wissen und Können auszustatten, dass sie später in der Gesellschaft handlungsfähig sind und sich persönlich und beruflich entwickeln können. Dass dieser Anspruch nicht für alle Schüler/innen gewährleistet wird, zeigen die empirisch nachgewiesenen Grundbildungsdefizite der Schulabsolventen, die jährlich die Schulen verlassen.

Im deutschen Schulsystem liegen zwar Regelstandards vor, die beschreiben, was Schüler/innen am Ende der Sekundarstufe I in der Regel können sollten, aber bislang wurden keine Mindeststandards festgelegt – also ein Katalog an Mindestkompetenzen definiert, über die jeder Schulabsolvent am Ende der Sekundarstufe I mindestens verfügen sollte. Aus der Arbeitsmarktperspektive hat der Nationale Ausbildungspakt pragmatisch einen „Kriterienkatalog zur Ausbildungsreife“ erarbeitet, der als eine politische Initiative zu werten ist, diese Mindestanforderungen zu definieren.

 

Diese normativen (Kompetenz-)Setzungen zur Bestimmung von Mindestanforderungen, die Schulabsolventen zwingend zur Aufnahme einer Ausbildung benötigen, sind von einer repräsentativen Online-Befragung des IW Köln bei 1.114 Unternehmen (davon 911 ausbildungsaktive Unternehmen) empirisch belegt worden.

Die befragten Unternehmen betonen den zentralen Stellenwert von grundlegenden Kompetenzen in der deutschen Sprache, im Rechnen und in den Sozial- und Personalkompetenzen, die sie von den Ausbildungsplatzbewerbern erwarten. Einerseits ist ein weiterer Wissenserwerb ohne ausreichende Kernkompetenzen im Lesen, Schreiben und Rechnen überhaupt nicht möglich. Andererseits werden solche Kompetenzen, die helfen, mit neuen Bedingungen umzugehen, wichtiger, da die Halbwertzeit des beruflichen Fachwissens sich immer schneller verkürzt.

Folgende Kompetenzen zählen die befragten Unternehmen zur unverzichtbaren Grundbildung von Schulabsolventen:

Mindestkompetenzen für die Ausbildungsreife
Mehr als acht von zehn befragten Unternehmen halten diese Kompetenzen bei Schulabsolventen für„unverzichtbar“ oder „eher unverzichtbar“.

 

Deutsch

  • Informationen einholen
  • Die eigene Meinung begründet vertreten
  • Informationen zusammenfassen
  • Sich konstruktiv und sachlich an Diskussionen beteiligen
  • Gespräche (wie Bewerbungsgespräche) situationsangemessen führen
  • Sachverhalte (wie einen Unfall) verständlich darstellen
  • Redebeiträge (wie Kurzvorträge, Diskussionsbeiträge, Arbeitsanweisungen) verstehen und angemessen wiedergeben
  • Fernseh- und Nachrichteninformationen verstehen
  • Sach- und Gebrauchstexte verstehen und nutzen
  • Informationen aus Texten zusammenfassen
  • Wichtige Informationsträger kennen und nutzen
  • Informationen aus Texten bewerten
  • Grundlegende Lesetechniken (wie sinnerfassendes Lesen, Überschriften formulieren) kennen und anwenden
  • Rechtschreibung beherrschen
  • Zeichensetzung beherrschen
  • Wissen, dass unterschiedliche Kommunikationssituationen eine unterschiedliche Sprachverwendung erfordern
  • Schriftlich argumentieren und Stellung nehmen
  • Zwischen unterhaltenden, informierenden und wertenden Texten unterscheiden und die Textabsicht erkennen
  • Berichte und Beschreibungen erstellen
  • Grundregeln der Grammatik kennen und anwenden
  • Schreiben sachgerecht formulieren
Mathematik
  • Grundrechenarten mit natürlichen Zahlen beherrschen
  • Dreisatz- und Prozentrechnung (auch bei Textaufgaben) sachgerecht anwenden
  • Mit gewöhnlichen Brüchen und Dezimalbrüchen rechnen
  • Umrechnen von Größen (wie Länge, Gewicht, Zeit) in verschiedene Einheiten
  • Über rechnerische Lösungskompetenz (wie angewandte Sachaufgaben lösen, Überschlagsrechnen) verfügen
Sozial-/Selbstkompetenzen
  • Leistungsbereitschaft
  • Lernbereitschaft
  • Zuverlässigkeit
  • Verantwortungsbewusstsein
  • Teamfähigkeit
  • Sorgfalt/Korrektheit
  • Konzentrationsfähigkeit
  • Umgangsformen
  • Toleranz/Rücksichtnahme
  • Kritikfähigkeit
  • Durchhaltevermögen
  • Selbstorganisation/Selbstständigkeit
  • Eigeninitiative
  • Problemlösungsverhalten
  • Fähigkeit, einmal Gelerntes in andere Kontexte zu übertragen
  • Merkfähigkeit
  • Zügige Arbeitsweise
  • Fähigkeit, logisch zu denken
  • Konfliktfähigkeit
  • Frustrationstoleranz
Informationstechnologie (IT)
  • Internetkenntnisse/E-Mail anwenden
  • Standardsoftware (Word, Excel, PowerPoint) kennen
  • Standardhardware kennen
Wirtschaft
  • Ein Grundverständnis von Pflichten und Rechten aus Geschäften und Verträgen (wie Kaufverträgen) haben
  • Die gängigen Arten des Zahlungsverkehrs kennen
  • Die Bedeutung wirtschaftlicher Grundbegriffe kennen
  • Das wirtschaftliche Ziel unternehmerischen Handelns kennen
Englisch
  • Einfache schriftliche Texte (aus dem eigenen Erfahrungsbereich) verstehen
  • Einfache berufliche Gebrauchstexte verstehen
  • Sich in einfachen, routinemäßig vertrauten Alltagssituationen verständigen
Politik / Gesellschaft / Alltagswissen
  • Die Funktionsweisen der Demokratie kennen
  • Politische Strukturen der Bundesrepublik Deutschland kennen
  • Über allgemeines Alltagswissen verfügen (wie bekannte Persönlichkeiten aus Politik und Medien kennen sowie öffentliche Verkehrsmittel, Behörden und Ähnliches kennen)
  • Über geografische Grundlagen verfügen (wie Bundesländer, Hauptstädte und Ähnliches kennen)
  • Über Grundlagen der deutschen (Zeit-)Geschichte verfügen
Naturwissenschaften und Technik
  • Physikalische Maßeinheiten kennen

Befragung von 911 ausbildungsaktiven Unternehmen zum Jahresende 2010 
Quelle: Institut der deutschen Wirtschaft Köln

 
 

Auch bei der Einstellung von Geringqualifizierten achten Unternehmen auf vorhandene Sozial- und Selbstkompetenzen wie Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Leistungsbereitschaft (sieheTabelle). Von ebenso großer Bedeutung sind die Fähigkeiten, situationsangemessen deutsch sprechen zu können. Als Grundlage der Verständigung am Arbeitsplatz ist die mündliche Beherrschung der deutschen Sprache für fast vier von fünf der befragten Unternehmen eine nicht verhandelbare Arbeitsbedingung. Für die überwiegende Mehrheit der Unternehmen müssen Geringqualifizierte darüber hinaus Sachverhalte mündlich verständlich darstellen und tätigkeitsrelevante Texte verstehen können. Des Weiteren zählen die Beherrschung der Grundrechenarten und die Fähigkeit, einfache Sachverhalte schriftlich formulieren zu können, bei den Unternehmen mehrheitlich zu den Mindestanforderungen an Geringqualifizierte, während Bruchrechnen und Flächenberechnungen eine geringere Relevanz haben.

Mindestanforderungen der Unternehmen an Geringqualifizierte
Auf die Frage: „Welche Mindestkompetenzen setzt Ihr Unternehmen bei Geringqualifizierten voraus?“ antworteten so viel Prozent der befragten Unternehmen …

 

KompetenzJa, unverzichtbarEher unverzichtbarSumme
Ehrlichkeit88,78,797,5
Zuverlässigkeit88,58,897,3

Pünktlichkeit

83,913,297,1

Leistungsbereitschaft

85,810,696,5

Situationsangemessen deutsch sprechen

77,119,296,3

Umgangsformen

66,729,696,3

Lernbereitschaft

74,720,294,9

Sachverhalte mündlich verständlich darstellen

65,528,594,0

Teamfähigkeit

71,422,493,8

Tätigkeitsrelevante Texte verstehen

55,634,189,7

Grundrechenarten beherrschen

59,230,289,4

Flexibilität

(zum Beispiel Bereitschaft zur Schichtarbeit)

53,732,386,0

Redebeiträge verstehen und angemessen wiedergeben (Arbeitsanweisungen, Kundenkontakte)

43,139,983,0

Einfache Sachverhalte schriftlich formulieren

46,835,782,5

Brüche / Dezimalbrüche beherrschen

25,331,056,3

Flächenberechnungen / Körperoberflächenberechnungen beherrschen

13,821,134,9
 
Differenz zu 100 Prozent: Antwortkategorien „Eher nein“ und „Nein, verzichtbar“; Rundungsdifferenzen möglich
Befragung von 1.114 Unternehmen zum Jahresende 2010
Quelle: Institut der deutschen Wirtschaft Köln